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15. Jahrgang (2012) - Ausgabe 5 (Mai) - ISSN 1619-2389
Ein "Spin-Off" der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
Krisennavigator
Mit freundlicher Unterstützung
der Deutschen Gesellschaft für
Krisenmanagement (DGfKM) e.V.

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"Krise als Chance":
Krisenbewältigung in der New Economy

Michael Freund (Net Investor)
im Gespräch mit Frank Roselieb (Universität Kiel)

Net Investor-Redakteur Michael Freund sprach mit Frank Roselieb, Krisenforscher am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, über die Besonderheiten von Unternehmenskrisen in der New Economy, die Krisenanfälligkeit von Dotcom-Firmen, zweckmäßige Sofortmaßnahmen in der akuten Krise und die Rolle von Startup-Managern in Krisenzeiten.

Net Investor: Was unterscheidet Krisen in Dotcom-Firmen von Krisen in der Old Economy?

Roselieb: Wenig. Will man dennoch eine Grenze ziehen, lassen sich zwei signifikante Unterschiede feststellen. Krisen in der New Economy laufen deutlich schneller ab als in etablierten Branchen. Dies liegt eventuell daran, daß junge Dotcom-Firmen weniger intensiv nach Turnaround-Möglichkeiten suchen als traditionsreiche Großunternehmen. Zudem finden Dotcom-Krisen fast immer öffentlich statt ("Todeslisten"). Dagegen stirbt so manches alteingesessene Unternehmen, ohne daß die breite Öffentlichkeit davon Notiz nimmt.

Net Investor: Welche Dotcoms sind aus Ihrer Erfahrung besonders krisenanfällig?

Roselieb: Zwei Typen von Krisenunternehmen sind in der New Economy besonders häufig anzutreffen. Zum einen die internetbegeisterten Einzelkämpfer und zum anderen die Dotcom-Ableger. Das Wohnzimmer-Start-Up wird meist aus Privatvermögen finanziert. Sechs bis acht Monate nach der Gründung wird dem Firmenchef klar, daß die Einnahmen nicht ausreichen, um laufende Kosten zu decken, die privaten Mittel sind aufgebraucht. Diese Variante der Krise ist mit Abstand am häufigsten in der New Economy anzutreffen. Im zweiten Fall hat ein etabliertes Unternehmen einen Dotcom-Ableger gegründet, um auch "drin" zu sein. Oft werden beträchtliche Summen investiert, um die GmbH oder AG am Markt zu plazieren. Wenn sich nach 18 bis 24 Monaten Markterfolge nicht einstellen, wird das Unternehmen - vorsichtig formuliert - "re-integriert". Aufgrund der Markenbekanntheit der Muttergesellschaft nimmt die Öffentlichkeit diesmal durchaus Notiz von den Ereignissen.

Net Investor: Wie kündigt sich eine Krise an?

Roselieb: Die "große Krise" ereignet sich zumeist aus dem Zusammentreffen vieler kleiner Krisen. Anders formuliert: Sie ist häufig das Ergebnis alter, nicht vollständig bewältigter Probleme. Im Idealfall können Krisen anhand "schwacher Signale" im Vorfeld geortet werden. Das Spektrum der Indikatoren reicht von Lieferanten, die plötzlich Vorkasse verlangen, bis zum dramatischen Anstieg der Lagerhaltung an Fertigprodukten. Je nach Rechtsform sind Unternehmen sogar zum kontinuierlichen Beobachten "schwacher Signale" verpflichtet.

Net Investor: Was sind die Hauptgründe für die Entstehung von Krisen in Dotcom-Firmen?

Roselieb: In unserer empirischen Krisenforschung an der Kieler Universität unterscheiden wir drei Typen von vorgelagerten Mißerfolgsursachen. Beim ersten Typ - den strukturellen Mißerfolgsursachen - sind bei Firmen der New Economy auffällig häufig Defekte in der Unternehmensorganisation zu beobachten. Beispielsweise ist in den jungen, unkonventionellen Unternehmen systematisches Wissensmanagement nur selten vorhanden. Bei den operativen Mißerfolgsursachen - als zweitem Typ - wird so manche dringend erforderliche Aufstockung des Mitarbeiterstamms durch akuten Mangel an qualifiziertem Nachwuchs zunichte gemacht. Vielfach haben die Unternehmen schlichtweg versäumt, die eigenen Mitarbeiter entsprechend fortzubilden. Beim dritten Typ - den strategischen Mißerfolgsursachen - überwiegt deutlich die überhastete Expansion des Unternehmens.

Net Investor: Welche Rolle spielen die Startup-Manager in der Krise?

Roselieb: Eine sehr wichtige. Häufig entwickeln die Entscheidungsträger in Dotcoms recht eigentümliche Mechanismen, um selbst offenkundige Signale einer drohenden Krise gekonnt zu ignorieren. Einerseits sind viele New Economy-Startups aus der Geschäftsidee eines Einzelnen entstanden. Das Wissen des Gründers und Geschäftsführers ist daher für die Bewältigung der Unternehmenskrise von elementarer Bedeutung. Andererseits sind Unternehmenspersönlichkeiten nicht selten betriebsblind. Weil ihnen der nötige Abstand zum Tagesgeschäft fehlt, übersehen sie oft naheliegende Lösungen zur Krisenbewältigung.

Net Investor: Wie kann ein Unternehmen die Entstehung einer Krise im Keim ersticken?

Roselieb: Professionelle Frühwarnsysteme und der viel beschworene Krisenplan in der Schublade des Geschäftsführers sind sicherlich hilfreich. Eine Garantie für ein schnelles Ende der Schieflage sind sie aber nicht. In einer Längsschnittstudie habe ich rund 150 Krisenfälle eines Unternehmens aus 40 Jahren analysiert. Trotz professioneller Frühwarnsysteme konnte nur bei jedem zwölften Krisenfall der Übergang in die akute Krisenphase verhindert werden. Krisenmanagement ist stets auch Chancenmanagement. Trotz anfänglicher Rückschläge gehen Unternehmen nicht selten gestärkt aus den Ereignissen hervor.

Net Investor: Welche Sofortmaßnahmen müssen in einer akuten Krise eingeleitet werden?

Roselieb: Kündigt eine Bank die zentralen Kreditlinien oder verliert das Unternehmen einen überlebenswichtigen Kunden, sind zunächst Konzepte für eine Überwindung der Notsituation zu suchen. Gleichwohl darf die Kommunikation der eingeleiteten Krisenbewältigungsmaßnahmen nicht vergessen werden.

Net Investor: An wen kann man sich im Krisenfall wenden?

Roselieb: Verzeichnisse mit Krisenberatern halten viele Branchenverbände, Industrie- und Handelskammern bereit. Ich erhalte über www.krisennavigator.de mehr als hundert Anfragen pro Jahr. Die Redaktion des Krisennavigators stellt über die nationale Notrufnummer 0700 / Krisennavigator (0700 / 57 47 36 62) in deutscher Sprache und über die internationale Notrufnummer 0700 / Crisisnavigator (0700 / 27 47 47 62) Kontakte zu Krisenberatern her.

Net Investor: Neigen die Firmen aktuell mehr zu Krisen als noch im letzten Jahr?

Roselieb: Im Bereich finanzieller Krisen hat die Gefahr durch die sich abschwächende Konjunktur zugenommen. Auch das Auslaufen der Finanzierungsrunden wird die Gefahr einer Schieflage für diese Unternehmen eher vergrößern.

Quelle

Dieser Beitrag wurde - mit freundlicher Genehmigung der Redaktion - der folgenden Publikation entnommen:

Net Investor - Das Internet-Wirtschaftsmagazin,
5. Jahrgang (2001), Heft 4 (22. März), Seite 88

Ansprechpartner

Dipl.-Kfm. Frank Roselieb
Krisennavigator
Institut für Krisenforschung
Schauenburgerstraße 116
D-24118 Kiel
Telefon: +49 (0)431 5606 480
Telefax: +49 (0)431 5606 481
Internet: www.krisennavigator.de
E-Mail: roselieb(at)krisennavigator.de

Erstveröffentlichung im Krisennavigator (ISSN 1619-2389):
4. Jahrgang (2001), Ausgabe 3 (März)


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Vervielfältigung und Verbreitung - auch auszugsweise - nur mit ausdrücklicher
schriftlicher Genehmigung des Krisennavigator - Institut für Krisenforschung, Kiel.
© Frank Roselieb 1998-2012. Alle Rechte vorbehalten.
Internet:
www.krisennavigator.de | E-Mail: roselieb(at)krisennavigator.de

 
   

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